Roadshow planen: System replizieren oder Netzwerk orchestrieren?

Zwei Roadshow-Modelle – und die Frage: Was kannst du verantworten?

Wenn über Roadshows gesprochen wird, geht es schnell um Dramaturgie, Show-Werte oder Künstlerbesetzungen. Operativ entscheidet jedoch eine andere Frage über Stabilität und Eskalationssicherheit:

Replizierst du ein geschlossenes System – oder orchestrierst du ein Netzwerk?

Die Viega Roadshow 2019 und die GALERIA Xmas Promotion 2025 zeigen zwei grundlegend unterschiedliche Modelle von Roadshow-Entertainment. Beide sind skalierbar. Beide funktionieren. Aber sie erzeugen unterschiedliche Steuerungslogiken, Risikoprofile und Verantwortungsschwerpunkte – und genau dort liegt die eigentliche Entscheidung für Senior Projektleiter:innen.

Modell 1: Viega Roadshow 2019 – Replikation eines Produktionssystems

Die Viega Roadshow führte durch sieben Städte – Salzburg, Hamburg, München, Leipzig, Nürnberg, Stuttgart und Köln. Mitgereist ist dabei nicht nur ein künstlerisches Ensemble, sondern eine komplette Show-Engine: 

  • 16 Musiker:innen & Tänzer:innen
  • Moderatorin
  • VJ
  • Ablaufregie
  • Stage Management
  • FOH-Sound
  • Monitor-Mann
  • Künstlerbetreuung

Entscheidend ist: Hier reist nicht „Entertainment“, sondern ein reproduzierbares Produktionssystem.

Künstlerische, technische und dramaturgische Interfaces bleiben konstant. Entscheidungswege sind definiert. Verantwortlichkeiten sind klar zugeordnet. Jeder Standort reproduziert im Kern dasselbe Setup – angepasst an Raum und Rahmenbedingungen, aber strukturell identisch.

Das führt zu einer geringen Ergebnis-Streuung. Die Serie bleibt stabil, weil zentrale Variablen minimiert werden. Für die Projektleitung bedeutet das hohe Vorhersehbarkeit und klare Ansprechpartner vor Ort.

Das Risiko liegt hier konzentriert: Fällt eine zentrale Schnittstelle aus, wirkt sich das über alle Stops hinweg aus. Das System ist robust – aber seriell sensibel.

Modell 2: GALERIA Xmas Promotion 2025 – Orchestrierung eines Netzwerks

Strukturell anders war die GALERIA Weihnachts-Promotion 2025 angelegt. 17 Filialen, vier Freitage und vier Samstage in der Vorweihnachtszeit, jeweils von 14 bis 18 Uhr. Pro Filialtag zwei bis vier Auftritte. 

Das ergibt 136 Filialtage und – je nach Besetzung – zwischen 272 und 544 Einzelauftritte.

Hier reist kein Cast. Pro Standort wurden lokale Künstler:innen aus dem jeweiligen Umkreis der Filiale gebucht. Kurze Wege, realistische Anreise, regionale Verankerung.

Die Stabilität entsteht nicht durch Identität, sondern durch Standards. Jede Filiale ist ein eigener Mikrokosmos mit eigenen räumlichen und organisatorischen Bedingungen. Die Serie wird durch ein klares Raster zusammengehalten – Zeitfenster, dramaturgische Grundstruktur, Qualitätskriterien.

Das operative Rückgrat liegt in:

  • präzisen Briefings
  • strukturierter Disposition
  • klar definierten Qualitätsmaßstäben
  • realistisch gedachten Ersatzlogiken

Ein konkretes Beispiel für diese Logik war das Casting von Chören. Nicht die musikalische Qualität war die größte Herausforderung, sondern die Verlässlichkeit der Anreise. Chöre mussten lokal verortet sein und idealerweise per ÖPNV anreisen können. Die Anreise wurde Teil der Risikobetrachtung – nicht nur die Performance.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen künstlerischer Auswahl und operativer Verantwortung.

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Skalierung: Identität vs. Raster

Beide Roadshow-Modelle sind skalierbar – aber auf unterschiedliche Weise.

Beim Viega-Modell entsteht Skalierung durch Replikation:

  • Gleiches Kernteam
  • Gleiche technische Schnittstellen
  • Gleiche dramaturgische Logik
  • Gleiche Entscheidungswege

Das sorgt für Wiederholbarkeit. Entscheidungen können live vor Ort getroffen werden, weil Regie, Stage Management und FOH mitreisen. Das System ist in sich geschlossen. Die Serie wird stabil, weil Variablen minimiert werden.

Beim GALERIA-Modell entsteht Skalierung durch Orchestrierung und Raster:

  • Gleiches Zeitfenster (14–18 Uhr)
  • Gleiches Aktionsformat
  • Unterschiedliche lokale Besetzungen

Hier entsteht Stabilität nicht durch Identität – sondern durch Standards.

Die Serie hält, wenn:

  • Briefings präzise sind
  • Qualitätskriterien klar definiert sind
  • Ersatzlogiken vorab gedacht sind

Unterschiedliche lokale Acts werden in ein standardisiertes Format eingebunden. Entscheidungen müssen stärker vorab gedacht werden, weil nicht jede Instanz physisch präsent ist.

„Gleicher Ablauf“ bedeutet hier nicht automatisch „gleiches Ergebnis“. Die Streuung ist höher – und muss über Kriterien abgesichert werden.

Für Senior Projektleiter:innen ist das keine Geschmacksfrage, sondern eine Frage der Steuerbarkeit:

Wie viel Ergebnis-Streuung ist akzeptabel? Wo sollen Entscheidungen fallen? Und wie belastbar ist die jeweilige Struktur unter realen Bedingungen?

Unterschiedliche Risikoprofile

Das reisende Modell bündelt Risiko. Wenn eine zentrale Schnittstelle ausfällt, wirkt sich das seriell aus. Gleichzeitig sind Entscheidungswege kurz und transparent.

Das dezentrale Modell verteilt Risiko. Casting, Verfügbarkeit und Standortrealitäten können je Filiale unterschiedlich ausfallen. Dafür bleibt ein Problem in der Regel lokal begrenzt. Qualität muss hier stärker über Vorbereitung als über Präsenz abgesichert werden.

Das eine Modell ist zentral sensibel. Das andere dezentral komplex.

Aufwandsschwerpunkte statt Budgetdebatte

Interessanterweise unterscheiden sich die Modelle weniger über Kosten als über operative Schwerpunkte.

Beim reisenden System liegt der Fokus auf:

  • Synchronisierung aller Interfaces
  • Stabilität des Kernteams
  • Gleichlauf in Serie

Beim dezentralen Netzwerk liegt der Schwerpunkt auf:

  • Casting und Disposition
  • Briefing-Tiefe
  • Ersatz-Handling
  • Qualitätsdefinition in wechselnden Konstellationen

Die Verantwortung bleibt gleich. Nur der operative Hebel verschiebt sich.

Entscheidungsfragen für Senior Projektleiter:innen

Bevor man sich für eines der beiden Modelle entscheidet, sind andere Fragen wichtiger als Showwerte:

  • Was muss identisch sein, damit die Serie stabil bleibt?
  • Wer entscheidet live, wenn ein Slot kippt?
  • Wie wird Qualität definiert, wenn Acts wechseln?
  • Welche Ausfalllogik ist realistisch?
  • Welche Schnittstellen müssen zwingend besetzt sein?

Roadshow-Entertainment muss nicht spektakulär sein.

Es muss verantwortbar sein.

Fazit: System oder Netzwerk?

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Mitreisender Cast oder lokale Künstler:innen – was ist besser?“

Sondern:

Welches Modell ist in deiner Projektstruktur tragfähig – über alle Stops hinweg?

Wir haben beide Formate operativ begleitet – einmal als mitreisendes Produktionssystem, einmal als orchestriertes Netzwerk über 17 Standorte. Beide funktionieren. Aber sie verlangen unterschiedliche Denkweisen.

Replikation braucht stabile Interfaces. Orchestrierung braucht belastbare Standards.

Wer Roadshows verantwortet, sollte nicht zuerst nach Showwert entscheiden – sondern nach Serienlogik, Steuerbarkeit und Risiko.

Wenn du vor genau dieser Entscheidung stehst, lohnt sich ein Austausch auf Augenhöhe – nicht über Entertainment, sondern über Umsetzbarkeit in Serie.

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